Gebisslos reiten bei ECVM – was es für die Halswirbelsäule bedeutet

Es gibt Befunde, die den Blick auf das eigene Reiten verändern. ECVM gehört dazu. Seit die Fehlbildung an der unteren Halswirbelsäule in den letzten Jahren bekannter geworden ist, bekommen viele Reiterinnen und Reiter eine Erklärung für Dinge, die sie über Jahre für Ausbildungsprobleme gehalten haben. Die einseitige Steifigkeit, die sich durch keine Gymnastizierung auflösen ließ. Das Zögern in der Anlehnung. Dieses feine Ausweichen im Genick, das mit noch mehr Genauigkeit in der Hilfengebung einfach nicht besser wurde.

Was danach kommt, ist meist die Frage nach dem Wie. Wie reitet man ein Pferd, dessen Hals anders gebaut ist, ohne ihm zusätzlich im Weg zu stehen? Die Zäumung ist dabei nur ein Teil der Antwort, aber ein Teil, über den erstaunlich selten differenziert gesprochen wird.

Was ist ECVM beim Pferd?

ECVM steht für Equine Complex Vertebral Malformation, eine angeborene Fehlbildung im Bereich der unteren Halswirbelsäule. Betroffen sind vor allem der sechste und der siebte Halswirbel, häufig zusammen mit der ersten Rippe. Beim gesunden Pferd trägt der C6 an seiner Unterseite einen knöchernen Fortsatz, den ventralen Tuberkel, an dem wichtige Halsmuskeln ansetzen. Bei ECVM fehlt dieser Fortsatz ganz oder teilweise, und die zugehörigen Muskelansätze verlagern sich an den siebten Halswirbel. Man spricht von einer Transposition.

Die Forschung dazu ist jung. Erste systematische Beschreibungen stammen aus den letzten zehn bis fünfzehn Jahren, und noch immer diskutieren Wissenschaft und Praxis darüber, wie stark der röntgenologische Befund mit tatsächlichen Beschwerden zusammenhängt. Es gibt Pferde mit deutlicher Fehlbildung, die ein unauffälliges Leben führen. Und es gibt Pferde, bei denen sich Symptome zeigen, die sich über Jahre keinem klaren Ursprung zuordnen lassen.

Zu den Anzeichen, die Reiterinnen und Reiter häufig beschreiben, gehören eine hartnäckige Einseitigkeit, die sich durch Gymnastizierung nicht auflösen lässt, Schwierigkeiten in der Biegung auf einer Hand, Stolpern, Taktunreinheiten, Empfindlichkeit beim Satteln oder beim Putzen im Bereich der Schulter, und Verhaltensveränderungen, die auf Schmerz hindeuten können. In schwereren Fällen kommen neurologische Auffälligkeiten hinzu.

Wichtig ist mir an dieser Stelle die Ehrlichkeit: Nichts davon ist ein Beweis. Diese Zeichen können viele Ursachen haben, und die Diagnose gehört in tierärztliche Hände, mit gezielten Röntgenaufnahmen der unteren Halswirbelsäule. Was ich hier beschreibe, ist der Umgang mit einem bereits bekannten Befund, nicht der Weg zu ihm.

Warum die Zäumung bis in die untere Halswirbelsäule wirkt

Um zu verstehen, warum die Wahl der Zäumung bei diesen Pferden überhaupt eine Rolle spielt, lohnt ein Blick auf die anatomischen Verbindungen. Das Pferd ist kein Baukasten aus getrennten Bereichen. Der Kopf hängt über Muskel- und Faszienketten mit dem gesamten Vorderkörper zusammen.

Der Zungenbeinapparat sitzt zwischen den Kieferästen und ist über Muskeln mit dem Brustbein und dem Schulterblatt verbunden. Ein Gebiss liegt auf der Zunge, und die Zunge steht in direkter Verbindung zu diesem Apparat. Spannung im Maul bleibt daher selten im Maul. Sie wandert entlang dieser Kette nach unten, in genau die Region, die bei ECVM ohnehin verändert ist.

Dazu kommen die großen Halsmuskeln. Der Brustbein-Kopf-Muskel, der Schulterblatt-Halsmuskel und die tiefen Treppenmuskeln setzen an den unteren Halswirbeln und an der ersten Rippe an. Fehlt dem sechsten Halswirbel sein Ansatzpunkt, verändert sich die Hebelwirkung dieser Muskeln. Das Pferd muss die Stabilisierung seines Halses anders organisieren als ein anatomisch regelrecht gebautes Pferd, und diese Kompensation kostet Kraft.

Wenn nun über die Anlehnung dauerhaft Spannung in dieses System eingespeist wird, arbeitet das Pferd gegen zwei Dinge gleichzeitig: gegen die eigene Statik und gegen die Hand. Viele dieser Pferde zeigen dann genau die Bilder, die wir als Reiter fälschlich für Widersetzlichkeit halten. Der feste Unterhals, das Verwerfen im Genick, das Hinter-die-Senkrechte-Kriechen.

Was gebissloses Reiten leisten kann – und was nicht

Eine gebisslose Zäumung wirkt über den Nasenrücken, teilweise über Ganasche und Kinn, und lässt Maul und Zungenbein frei. Für ein Pferd mit Beschwerden im unteren Hals kann das mehrere Dinge bedeuten.

Der Kiefer bleibt beweglich, und mit ihm der Zungenbeinapparat. Das Pferd kann kauen, schlucken und die Kopf-Hals-Position feiner justieren, ohne dass jede Bewegung eine Rückmeldung im Maul erzeugt. Gerade bei Pferden, die ihre Balance über Kopf und Hals suchen müssen, weil die untere Halswirbelsäule ihnen weniger Stabilität bietet, ist diese Freiheit oft der Punkt, an dem sich sichtbar etwas löst.

Der zweite Effekt liegt in der Kommunikation selbst. Viele Pferde mit Schmerzen im unteren Hals reagieren empfindlich auf Zügelaufnahme, weil die Bewegung nach vorne an den Zügel unangenehm ist. Es entsteht ein Konflikt zwischen der Hilfe und dem Körpergefühl des Pferdes. Eine gebisslose Zäumung entkoppelt die Verständigung ein Stück weit von diesem Konfliktpunkt und schafft dem Pferd die Möglichkeit, sich wieder an eine leichte Verbindung heranzutrauen.

Ich möchte an dieser Stelle aber auch klar benennen, was gebissloses Reiten nicht leistet. Es korrigiert keine Fehlbildung. Es ersetzt keine tierärztliche Abklärung und keinen Behandlungsplan. Und es ist nicht automatisch sanfter, denn eine scharf eingestellte Hebelzäumung oder ein eng verschnalltes Kreuzzügelsystem in unruhiger Hand kann auf dem Nasenrücken erheblichen Druck erzeugen. Der Nasenrücken ist eine dünn bedeckte, empfindliche Knochenregion, und das verdient Respekt.

Entscheidend bleibt die Hand, die den Zügel führt. Eine gebisslose Zäumung nimmt uns die Verantwortung für Feinheit nicht ab, sie verschiebt nur den Ort, an dem sich Grobheit auswirkt.

Training für Pferde mit ECVM

Die Zäumung ist der kleinere Teil der Arbeit. Der größere liegt im Aufbau einer Muskulatur, die dem Pferd trägt, was seine Knochen ihm nicht geben.

Im Vordergrund steht für mich die Kräftigung des Rumpfträgers, jener Muskelschlinge, die den Brustkorb zwischen den Schulterblättern hält. Ein Pferd, das seinen Brustkorb anheben kann, entlastet die untere Halswirbelsäule von oben. Diese Arbeit passiert in Dehnungshaltung, in ruhigem Vorwärts, auf geraden Linien und in großen Bögen. Sie passiert über sorgfältig dosierte Übergänge, die das Pferd zum Untertreten und zum Aufwölben des Rückens einladen. Und sie braucht Zeit, weil Muskulatur langsamer wächst, als unsere Geduld gewöhnlich reicht.

Was ich bei diesen Pferden meide, ist alles, was Enge erzeugt. Enge Wendungen und kleine Zirkel belasten die Halswirbelsäule stärker, als es auf den ersten Blick wirkt. Erzwungene Beizäumung und jede Form von Rollkur verbieten sich von selbst. Ebenso lange Longeneinheiten auf demselben Zirkel.

Was ich stattdessen suche, ist Bewegung im Gelände, sanftes Bergauf, Bodenarbeit mit klaren Signalen und viel Selbsthaltung. Das Pferd soll lernen, seine eigene Balance zu finden, statt sie sich von der Hand geben zu lassen. Je weniger wir halten, desto mehr Verantwortung für die eigene Haltung geben wir zurück, und genau diese Verantwortung ist es, die Muskulatur aufbaut.

Und hier schließt sich der Kreis zu dem, was für mich in der gesamten Ausbildung gilt: Die Hilfen müssen flüstern. Bei einem Pferd, dessen Körper ohnehin mehr Aufwand für Stabilität betreibt als der eines gesunden Pferdes, wird aus diesem Grundsatz eine Notwendigkeit. Jede laute Hilfe erzeugt Gegenspannung, und Gegenspannung ist genau das, was diese Pferde am wenigsten gebrauchen können.

Häufige Fragen

Darf man ein Pferd mit ECVM reiten?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten und gehört in die Hände der behandelnden Tierärztin oder des behandelnden Tierarztes. Viele Pferde mit einem radiologischen Befund werden geritten, sofern keine neurologischen Ausfälle vorliegen und das Training an ihre Möglichkeiten angepasst wird. Bei Anzeichen von Ataxie steht die Sicherheit von Pferd und Reiter im Vordergrund, und dann ist Reiten in der Regel nicht mehr vertretbar.

Hilft gebissloses Reiten bei ECVM?

Gebissloses Reiten heilt keine Fehlbildung. Es kann jedoch Spannung aus dem Kiefer- und Zungenbeinbereich nehmen und damit eine Muskelkette entlasten, die bis in die untere Halswirbelsäule reicht. Viele Pferde zeigen unter einer gut angepassten gebisslosen Zäumung mehr Losgelassenheit im Unterhals. Ob das im Einzelfall zutrifft, zeigt sich nur durch aufmerksames Ausprobieren.

Wie wird ECVM festgestellt?

Über gezielte Röntgenaufnahmen der unteren Halswirbelsäule, in der Regel in mehreren Projektionen, weil die Veränderung an C6 und C7 auf einer Standardaufnahme leicht übersehen wird. Manche Kliniken ergänzen bildgebende Verfahren mit weiterführender Diagnostik. Eine Verdachtsdiagnose allein anhand von Reitproblemen ist nicht möglich.

Welche gebisslose Zäumung eignet sich?

Eine, die flächig auf dem Nasenrücken aufliegt, gut gepolstert ist und keinen scharfen Hebel erzeugt. Sidepull-Varianten und weich wirkende Crossover-Systeme haben sich bei meinen Schülern und Kunden bewährt, weil sie präzise Signale erlauben, ohne den Kopf einzuklemmen. Die Passform zählt dabei mehr als die Bauart.


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