Pferd richtig kühlen: Wasser abziehen oder nicht? Das sagen die aktuellen Studien
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Jeden Sommer dieselbe Diskussion am Waschplatz: Soll man das Wasser nach dem Abspritzen abziehen oder einfach drauflassen? Die Antwort fällt klarer aus, als die meisten denken, nur anders, als viele glauben. Ich habe mir die aktuelle Forschung angesehen und fasse hier zusammen, wie du dein Pferd bei Hitze wirklich effektiv und sicher abkühlst, und welche alten Stallweisheiten du getrost vergessen kannst.
Wie ein Pferd überhaupt Wärme verliert
Viele glauben, kaltes Wasser kühle vor allem über das Verdunsten. Das ist nicht der Hauptmechanismus. Kaltes Wasser kühlt in erster Linie über Wärmeleitung, also den direkten Kontakt zwischen kühlem Wasser und warmer Haut. Solange das Wasser kühler ist als dein Pferd, zieht es Wärme aus dem Körper, und das geht deutlich schneller als die Verdunstung.
Daraus folgt eine einfache Regel: Je mehr Hautfläche du mit kaltem Wasser bedeckst, desto schneller kühlt das ganze Pferd. Nicht das Abziehen entscheidet, sondern wie viel kaltes Wasser über wie viel Körper läuft.
Wasser abziehen oder drauflassen? Das sagen die Studien
Die Forschung ist sich einig: Für das Abziehen gibt es keinen belegten Kühlvorteil. Untersucht haben das unter anderem die Japan Racing Association (2020), die University of Queensland (2021) und Kentucky Equine Research (2025) mit implantierten Temperatur-Mikrochips. Das Ergebnis ist überall ähnlich: Viel kaltes Wasser, durchgehend über den ganzen Körper, ist die schnellste Methode.
Wärmebildaufnahmen zeigen sogar das Gegenteil dessen, was man oft hört: Zieht man das Wasser ab, steigt die Oberflächentemperatur wieder an, weil man die kühle Schicht entfernt und die warme Haut freilegt. Bei einem wirklich heißen Pferd kostet dich jede Sekunde mit dem Schweißmesser also wertvolle Kühlzeit.
Der Mythos vom heißen Wasser in der prallen Sonne
„Aber in der Sonne wird das Wasser doch viel zu heiß und kocht das Pferd.“ Nein. Das Wasser kann sich höchstens an die Hauttemperatur angleichen, heißer wird es nicht. Solange es kühler ist als das Pferd, leitet es weiter Wärme ab, in der Sonne genauso wie im Schatten.
Wichtig ist nur ein Punkt, der oft untergeht: Der eigentliche Wirkstoff ist das Nachgießen. Ein einziger Eimer, der stehen bleibt, gleicht sich irgendwann der Hauttemperatur an und kühlt dann nicht mehr. Wer das Pferd nass in die pralle Sonne stellt und nichts nachgießt, hat irgendwann keinen Effekt mehr. Deshalb gilt: lieber im Schatten, mit Luftzug, und immer wieder kaltes Wasser nachgeben.
Schockt kaltes Wasser den Kreislauf?
Auch dieser Glaube hält sich hartnäckig. Schon rund um die Olympischen Spiele 1996 wurde geprüft, ob kaltes Wasser einem sehr heißen Pferd schadet, und es zeigte sich kein nachweisbarer Schaden. In Distanzrennen werden Pferde an jedem Checkpoint kalt übergossen, ganz routiniert. Das eigentliche Risiko beim überhitzten Pferd ist das Warten, nicht das Wasser.
Den echten Kälteschock-Reflex gibt es, aber er ist beim Menschen dokumentiert, wenn der ganze, normal warme Körper schlagartig in eiskaltes Wasser eintaucht. Ein überhitztes Pferd mit dem Schlauch abzuspritzen ist eine völlig andere Situation. Der Ursprung des Mythos liegt woanders: Überanstrengte Pferde haben früher nach dem Abspritzen gekrampft oder gekolikt, schuld war aber die Überlastung, nicht das kalte Wasser.
Erst hinten anfangen, damit das Herz zuletzt kühlt?
Diese Reihenfolge soll das Herz schonen. Nötig ist sie nicht, denn kaltes Wasser schadet dem Herzen nicht. Die Kühlung läuft über die kleinen Gefäße in der ganzen Haut. Je mehr Fläche du gleichzeitig kühlst, desto schneller geht es. Beim heißen Pferd zählt also viel Wasser über den ganzen Körper, nicht eine bestimmte Reihenfolge.
Kühldecken für Pferde: sinnvoll oder nicht?
Eine Verdunstungs-Kühldecke wirkt anfangs ein paar Minuten über den Kontakt mit dem kalten Wasser, danach über Verdunstung für ein bis vier Stunden, je nach Temperatur, Luftfeuchte, Luftzug und Sonne. Sinnvoll ist sie als Komforthilfe, zum Beispiel beim Stehen, im Transport oder nach dem eigentlichen Kühlen mit Wasser.
Als Ersatz für kaltes Wasser bei einem wirklich heißen Pferd taugt sie nicht. Und sie muss feucht gehalten werden: Eine trocken gewordene Kühldecke wirkt wie eine normale Decke und heizt das Pferd auf. Bei hoher Luftfeuchte lässt der Effekt zusätzlich nach.
So kühlst du dein Pferd richtig: Schritt für Schritt
- Viel kaltes Wasser über den ganzen Körper geben, am besten von beiden Seiten mit Eimern oder dem Schlauch.
- Immer wieder nachgießen, statt einen Guss stehen zu lassen.
- Beim heißen Pferd nicht abziehen. Jede Sekunde mit dem Schweißmesser ist verlorene Kühlzeit.
- Schatten und Luftzug nutzen, ein Ventilator hilft zusätzlich.
- Trinken anbieten und bei starkem Schwitzen an Elektrolyte denken.
- Bei Verdacht auf gefährliche Überhitzung sofort den Tierarzt rufen und währenddessen aggressiv mit sehr kaltem Wasser kühlen.
Die einzige echte Ausnahme ist Kälte: Im Winter ziehst du das verschwitzte Pferd ab, damit es dir nicht auskühlt. Im Sommer bei Hitze ist das nasse Fell aber dein Freund.
Häufige Fragen rund ums Pferd kühlen
Macht Wasser in der Sonne das Pferd heißer?
Nein. Das Wasser kann sich höchstens an die Hauttemperatur angleichen. Solange es kühler ist als das Pferd, kühlt es weiter, auch in der Sonne. Wichtig ist nur, dass du nachgießt.
Ist kaltes Wasser gefährlich für den Kreislauf?
Nein. Studien rund um die Olympischen Spiele 1996 fanden keinen Schaden durch kaltes Wasser bei heißen Pferden. Schnelles Kühlen ist die empfohlene Erste-Hilfe-Maßnahme bei Hitzestress.
Wann sollte ich das Wasser abziehen?
Vor allem bei Kälte, damit das verschwitzte Pferd nicht auskühlt. Beim heißen Pferd im Sommer bringt das Abziehen keinen Vorteil und kostet Zeit.
Bringt eine Kühldecke etwas?
Als Komfort- und Transporthilfe ja, als Notfallkühlung nein. Sie muss feucht bleiben, sonst heizt sie wie eine normale Decke auf.
Fazit
Beim heißen Pferd gilt: viel kaltes Wasser, ganzer Körper, immer wieder nachgießen, nicht abziehen. Schatten und Luftzug helfen zusätzlich. Das Abziehen gehört in den Winter, nicht in den Hochsommer. Wer das verinnerlicht, kühlt sein Pferd schneller, sicherer und entspannter, ohne sich von alten Stallweisheiten verunsichern zu lassen.
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Über die Autorin: Cathryn Rippelbeck ist Bereiterin FN und seit 2007 in der klassischen Ausbildung tätig. Mit CR Dressur und CR Harmonyequestrian setzt sie sich für feines, pferdegerechtes Reiten ein. Ihr Leitsatz: Die Hilfen müssen flüstern.
Quellen
- Takahashi Y. et al. (2020): A Comparison of Five Cooling Methods in Hot and Humid Environments in Thoroughbred Horses. Japan Racing Association.
- Kang H. et al. (2021): Kühlstudie zum Abziehen von Wasser, University of Queensland.
- Kentucky Equine Research (2025): Mikrochip-Messung der Muskeltemperatur, Dr. Joe Pagan, vorgestellt bei „Sport Science Ocala FL 2025“ (Seminar-Zusammenfassung, noch kein vollständig begutachtetes Paper).
- FEI / Dr. David Marlin: Leitlinien und Aufklärung zum Kühlen von Pferden bei Hitze.
- Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN): Merkblatt „Umgang mit Hitze auf Veranstaltungen“.