Mehr als nur ein Hilfsmittel: 5 Erkenntnisse über den Balance-Zügel, die deine Reitweise verändern werden
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Mehr als nur ein Hilfsmittel: 5 Erkenntnisse über den Balance-Zügel, die deine Reitweise verändern werden
Reiten bedeutet weit mehr als die bloße Bewegung von A nach B – es ist eine Kunst, bei der Balance, Losgelassenheit und feinste Kommunikation im Mittelpunkt stehen. Doch wie oft geraten wir als Reiter in die Falle, unbewusst zu blockieren, falsche Hilfen zu geben oder in jahrelang verinnerlichten Bewegungsmustern zu erstarren? Diese alten Muster zu erkennen und zu durchbrechen, ist die Voraussetzung für echte Durchlässigkeit.
Hier setzt der Balance-Zügel an. Er ist weit mehr als ein einfaches Trainingswerkzeug; er ist eine Chance für eine tiefe, harmonische Verbindung. Bei diesem Hilfsmittel handelt es sich um eine spezielle Seilschlinge, die zusätzlich oder alternativ zu den Trensenzügeln verwendet wird. Er wirkt nicht am empfindlichen Pferdemaul, sondern gibt Impulse am Halsansatz. Als Expertin für feines Reiten möchte ich dir zeigen, wie dieses Werkzeug deine Wahrnehmung und deine Hilfengebung grundlegend transformieren kann.
1. Der Zügel als „schonungslos ehrlicher“ Spiegel
Einer der größten Vorteile des Balance-Zügels ist seine absolute Unbestechlichkeit. Während man sich mit herkömmlichen Zügeln oft durch mechanische Einwirkung „durchmogeln“ kann, deckt der Balance-Zügel deine Defizite sofort auf.
Ein konkretes Beispiel: Versuche, eine Wendung allein durch Ziehen am inneren Zügel einzuleiten. Der Balance-Zügel wird dir die Wahrheit sofort zeigen: Dein Pferd wird entweder über die äußere Schulter wegdriften oder einfach geradeaus weiterlaufen. Es gibt keine versteckte Maul-Manipulation, die einen Reitfehler kaschiert. Cathryn Rippelbeck bringt es in ihrem Ebook auf den Punkt:
„Er macht dir deutlich spürbar, was du falsch machst – ehrlicher und direkter als jeder Trainer es dir erklären könnte.“
Genau dieses Bewusstsein ist der erste Schritt zur Veränderung. Der Zügel zwingt dich zur Selbstreflexion und fördert ein unabhängiges Reiten, bei dem die Hilfe dort ankommt, wo sie biomechanisch sinnvoll ist.
2. „Hände zum Himmel“: Die Kraft des sanften Vorwärts
Die Handhabung des Balance-Zügels erfordert ein Höchstmaß an Feingefühl. In der Praxis hältst du ihn oft im „Kandaren-Griff“: Der normale Zügel liegt zwischen dem kleinen und dem Ringfinger, während der Balance-Zügel zwischen Ring- und Mittelfinger darüber liegt. Der Hauptzügel darf dabei bewusst durchhängen, sodass der Balance-Zügel die primäre Kommunikation übernimmt.
Ein eisernes Gesetz der feinen Reitkunst lautet hierbei: Wirke mit den Händen immer nach vorne, niemals nach hinten.
Statt rückwärtswirkender Kraft nutzt du das Bild „Hände zum Himmel“. Dabei werden die Hände, die du so sanft wie einen kleinen Vogel hältst, leicht angehoben. Durch dieses Anheben entsteht ein positiver Impuls am Halsansatz. Folgt deine Hand dabei elastisch und „im Fluss“ der Bewegung des Pferdehalses, findet das Pferd seinen Schwerpunkt fast wie von selbst. Es dehnt sich vertrauensvoll zur Hand hin aus und findet in eine korrekte Dehnungshaltung, ohne durch eine statische Hand blockiert zu werden.
3. Die Wahrheit über die „hohle Seite“ und der Selbsttest
Jedes Pferd besitzt eine natürliche Schiefe. Die „hohle Seite“ wirkt auf den ersten Blick oft „leichter“, ist aber biomechanisch die schwierigere Seite, da das Pferd hier zur Überbeweglichkeit neigt, über die Schulter ausbricht oder mit der Hinterhand nach innen drängt.
Bevor du mit dem Training beginnst, empfehle ich einen einfachen Self-Test: Die Halsbiegung im Stand. Lasse dein Pferd den Hals im Halten zuerst nach links und dann nach rechts biegen. Welche Seite fällt ihm leichter? Die Seite, zu der es sich mühelos und fast von selbst biegt, ist höchstwahrscheinlich die hohle Seite.
Ein strategischer Geheimtipp: Beginne deine Übungen mit dem Balance-Zügel immer auf der nicht hohlen (der steiferen) Seite. Warum? Weil diese Seite stabiler ist. Das Pferd kann hier die Hilfe und die Rahmung durch den äußeren Zügel am Mähnenkamm viel besser nachvollziehen. Dies schafft Erfolgserlebnisse und vermeidet die typische Frustration, die entsteht, wenn das Pferd auf der hohlen Seite ständig über die Schulter „wegfließt“. Ziel ist es, beide Seiten langfristig auszugleichen und das Pferd zu stabilisieren.
4. „Atmen am Schenkel“ für echtes Wohlbefinden
Ein klemmender Schenkel ist oft ein Zeichen von Unwohlsein oder mangelndem Vorwärtsdenken des Pferdes. Um die Hinterhand zu aktivieren, ohne Druck oder einen „Klammergriff“ zu erzeugen, nutzen wir das Konzept des „Atmens am Schenkel“.
Dieser Prozess erfolgt in drei Phasen:
- Schenkel bewusst wegnehmen: Löse den dauerhaften Kontakt, um dem Pferd Luft zum Atmen zu geben.
- Gezielter Impuls: Gib einen kurzen, klaren Impuls mit beiden Schenkeln.
- Reaktion abwarten: Das ist der entscheidende Moment. Gib dem Pferd den Raum, auf die Hilfe zu reagieren.
Das „Loslassen“ ist hierbei wichtiger als der Impuls selbst. Es signalisiert dem Pferd, dass es die richtige Antwort gegeben hat, und fördert eine entspannte, freudige Mitarbeit. Ein Pferd, das am Schenkel „atmen“ darf, wird mental frei und entwickelt eine natürliche Gehfreude.
5. Profi-Tipp: Der „Notfallgriff“ und die Philosophie der Partnerschaft
Auch bei sensibler Ausbildung kann es Momente der Unsicherheit geben. Wenn ein Pferd auf die normale Halte-Hilfe nicht reagiert, bietet der Balance-Zügel einen effektiven „Notfallgriff“. Setze den Zügel dabei kurzzeitig etwas weiter oben am Hals, nahe der Ganaschen, an. Dieser kurze, sanfte Impuls macht dem Pferd unmissverständlich klar, was gewünscht ist, ohne es durch Kraftanwendung im Maul zu überfordern oder in Panik zu versetzen.
Am Ende ist der Balance-Zügel jedoch weit mehr als eine Sammlung von Techniken. Er ist, wie Cathryn Rippelbeck betont, der Beginn einer Reise zu einer neuen Art der Kommunikation. Es geht nicht um die perfekte Lektion, sondern um den gemeinsamen Fortschritt in Geduld und gegenseitigem Respekt.
Fazit: Der Weg zur unsichtbaren Kommunikation
Die Arbeit mit dem Balance-Zügel führt dich weg von der Manipulation und hin zur echten Hilfengebung. Er fördert Balance, Takt und eine Losgelassenheit, die sowohl physischer als auch mentaler Natur ist.
Was würde sich in deiner Beziehung zu deinem Pferd ändern, wenn deine Hilfen plötzlich nahezu unsichtbar würden? Wenn du das Pferd nicht mehr „formst“, sondern ihm den Raum gibst, sich selbst im Gleichgewicht zu tragen? Betrachte die Arbeit mit diesem Werkzeug als eine individuelle Entdeckungsreise. Es ist der Weg zu einer Partnerschaft, in der ein Hauch von Hilfe genügt, um Großes zu bewegen. Wenn du mehr erfahren möchtest, hole dir mein Ebook.