Headshaking beim Pferd: Ursachen, Symptome und was wirklich hilft

Wenn dein Pferd plötzlich anfängt, den Kopf zu schlagen, zu nicken oder die Nase an alles zu reiben, und du keine Erklärung dafür findest, dann steckst du wahrscheinlich gerade mittendrin in einem der frustrierendsten Probleme der Pferdewelt: Headshaking.

Headshaking ist kein Verhaltensproblem. Es ist auch kein Trotz, keine Faulheit und kein „Charakter". Es ist ein neurologisches Syndrom, das deinem Pferd echtes Leid verursacht. Und es ist behandelbar, wenn du verstehst, was tatsächlich dahintersteckt.

In diesem Beitrag bekommst du den kompletten Überblick auf Basis der aktuellen veterinärmedizinischen Forschung: was Headshaking überhaupt ist, welche Ursachen wirklich infrage kommen, welche Trigger Symptome auslösen können und welche Behandlungsansätze evidenzbasiert sind. Keine Mythen, keine Wundermittel, sondern das, was die Wissenschaft belegt.

Was ist Headshaking eigentlich?

Headshaking beschreibt unkontrollierte, oft heftige Kopfbewegungen, die nicht durch eine offensichtliche, einfach erklärbare Ursache ausgelöst werden. Das Pferd schlägt den Kopf vertikal, horizontal oder rotierend, schnaubt explosionsartig, reibt die Nase an Gegenständen oder den eigenen Vorderbeinen.

Die heute anerkannte Bezeichnung in der Veterinärmedizin lautet trigeminus-vermitteltes Headshaking (TMHS, früher „idiopathisches Headshaking"). Forschung an der University of California, Davis (Aleman, Madigan u.a.) und an der Bristol Vet School (Roberts) hat in den letzten Jahren bestätigt, dass es sich um ein neuropathisches Schmerzsyndrom des Trigeminusnervs handelt, vergleichbar mit der Trigeminusneuralgie beim Menschen.

Etwa 1 bis 1,4 Prozent der Pferde sind betroffen. Wallache sind überrepräsentiert. Bei rund 60 Prozent der Fälle zeigen sich saisonale Muster, mit Verschlechterung im Frühling und Sommer.

Wichtig zu verstehen: Headshaking ist ein Syndrom, keine einzelne Krankheit. Es gibt nicht „das eine" Headshaking. Wer den Begriff verwendet, meint mehrere unterschiedliche Krankheitsbilder gleichzeitig. Genau das ist der Grund, warum so viele Behandlungsversuche scheitern: weil ohne klare Ursachen- und Triggerdiagnostik blind herumprobiert wird.

Normales Kopfschütteln vs. Headshaking-Syndrom

Bevor wir tiefer einsteigen, eine Abgrenzung, die in der Reiterwelt regelmäßig verwischt wird.

Normales Kopfschütteln ist ein situativer Abwehrreflex: kurz, meist horizontal, mit klarem äußerem Auslöser (Fliege, Juckreiz, kleines Geräusch) und endet, sobald der Reiz weg ist. Das ist gesundes Pferdeverhalten und braucht keine Diagnostik.

Headshaking-Syndrom (TMHS) sieht anders aus: typischerweise vertikales, schleudernde Bewegungen, oft heftig, langanhaltend, häufig kombiniert mit explosivem Schnauben, Nasenreiben und einem ängstlich-überraschten Gesichtsausdruck. Episoden können Minuten bis Stunden dauern. Die Bewegung tritt in vielen Fällen unter Reizen auf, die normale Pferde gar nicht stören würden, weil der Trigeminusnerv des betroffenen Pferdes nachweislich eine 10- bis 20-fach niedrigere Reizschwelle hat (Aleman et al., UC Davis, 2013).

Genau dieser Mechanismus erklärt, warum scheinbar harmlose Reize Symptome auslösen können.

Ursache vs. Trigger: der wichtigste Unterschied

Hier liegt der häufigste Verständnisfehler. Ursache und Trigger werden ständig durcheinandergeworfen.

Die Ursache des klassischen Headshaking-Syndroms ist eine Sensibilisierung des Trigeminusnervs. Was diese Sensibilisierung initial auslöst, ist trotz jahrzehntelanger Forschung noch nicht abschließend geklärt – diskutiert werden u.a. virale Ursachen (Equines Herpesvirus), hormonelle Faktoren, anatomische Komponenten und genetische Prädispositionen.

Trigger dagegen sind Reize, die bei einem bereits sensibilisierten Pferd Schübe auslösen. Sie sind nicht die Ursache, aber sie sind die Auslöser, die du in der Praxis erleben wirst.

Wissenschaftlich dokumentierte Trigger (geordnet nach Häufigkeit)

Die Eigentümer-Befragungen von Roberts (Bristol) und Pickles (Nottingham) sowie die Forschung an UC Davis haben folgende Trigger als reproduzierbar identifiziert:

  1. Helles Sonnenlicht. Häufigster Trigger. Beim sogenannten photic headshaking (Madigan, 1995) reagiert das Pferd auf direkte Sonneneinstrahlung mit Schmerzepisoden. Mechanismus vermutlich über die Verschaltung Sehnerv–Trigeminus, vergleichbar mit photic sneezing beim Menschen.
  2. Wind. Direkter Luftzug auf die Nase und das Gesicht.
  3. Bewegung und Belastung. Symptome werden unter dem Reiter typischerweise stärker als im Stand. Ob das mit Anstrengung, Atemmuster oder Ausrüstung zusammenhängt, wird untersucht.
  4. Fressen. Besonders trockenes Heu. Erklärbar darüber, dass die Zähne ebenfalls vom Trigeminusnerv innerviert werden.
  5. Hochfrequente Geräusche.
  6. Pollen.
  7. Fliegen, Mücken und andere Insekten. Dokumentiert in Eigentümer-Befragungen als seltenerer, aber realer Trigger. Der Mechanismus ist plausibel: Bei einem Pferd mit hypersensiblem Trigeminusnerv reicht der Insektenkontakt an Nüstern, Lippen oder Gesicht aus, um eine Schmerzepisode auszulösen, auch wenn ein gesundes Pferd auf denselben Reiz nur kurz mit Abwehrschütteln reagieren würde.
  8. Regen und Schnee. Vereinzelt berichtet.

Wichtig: Bei einem Pferd ohne TMHS sind Fliegen kein Trigger für Headshaking, die lösen normales Abwehrschütteln aus, das ist ein Unterschied. Bei einem Pferd MIT TMHS können Fliegen sehr wohl ein Trigger unter mehreren sein.

Andere Erkrankungen, die Headshaking-ähnliches Verhalten verursachen können

Bevor TMHS diagnostiziert wird, müssen organische Ursachen ausgeschlossen werden, die ähnliche Symptome zeigen können. Dazu gehören:

  • Zahnerkrankungen. EOTRH, Wolfszähne, Haken, scharfe Kanten, entzündete Backenzahnwurzeln.
  • Sinusitis. Chronische Nasennebenhöhlenentzündungen können Druck auf Nervenstrukturen ausüben.
  • Erkrankungen der Ohren. Mittelohrentzündungen, Fremdkörper.
  • Augenprobleme. Uveitis, Entzündungen.
  • Druck durch Ausrüstung. Falsch sitzende Gebisse, zu eng verschnallte Reithalfter, drückende Genickstücke. Diese Kategorie ist tückisch: Sie kann TMHS auslösen oder unabhängig davon Headshaking-ähnliches Verhalten erzeugen. Sie ist gleichzeitig die einzige Kategorie, bei der Veränderung am schnellsten wirkt.

Symptome richtig erkennen

Je präziser du beschreiben kannst, was dein Pferd tut, desto leichter findet ihr gemeinsam mit deinem Tierarzt die Ursache. Beobachte:

  • Richtung der Bewegung (vertikal, horizontal, rotierend)
  • Frequenz und Dauer der Episoden
  • Auslöserumstände (Tageszeit, Wetter, beim Reiten/Stand, Saison)
  • Begleitsymptome (Schnauben, Nasenreiben, Vermeidung beim Auftrensen)
  • Intensität und Verlauf

Ein Symptom-Tagebuch über zwei bis vier Wochen ist oft diagnostisch wertvoller als jede Einzelbeobachtung.

Die Diagnostik: ohne Tierarzt geht es nicht

Ein Pferd, das headshaket, gehört zum Tierarzt. Erst Diagnostik, dann Therapie. Ein guter diagnostischer Pfad umfasst eine ausführliche Anamnese mit Beginn, Triggern und Saisonalität, eine allgemeine klinische Untersuchung, eine Maul- und Zahnuntersuchung, eine Endoskopie der oberen Atemwege, eine Ohrenuntersuchung, optional Bildgebung wie Röntgen oder CT bei Verdacht auf strukturelle Probleme, und einen Ausschluss von Infektionen.

Erst wenn alle organischen Ursachen ausgeschlossen sind, sprechen wir von trigeminus-vermitteltem Headshaking.

Was wirklich hilft – Stand der Forschung

Es gibt kein einzelnes Mittel, das jedes Headshaking-Pferd heilt. Aber es gibt evidenzbasierte Ansätze, die je nach Ursache und Triggerprofil funktionieren.

Bei ausrüstungsbedingten Symptomen

Erster Schritt ist Ehrlichkeit über die eigene Ausrüstung. Sitzt das Gebiss anatomisch korrekt? Ist die Trense passend verschnallt? Drückt das Reithalfter? In einer relevanten Anzahl von Fällen reicht der Wechsel zu einer durchdacht konstruierten gebisslosen Trense, um Symptome deutlich zu reduzieren, nicht weil „gebisslos magisch ist", sondern weil der Druck auf empfindliche Strukturen entfällt.

Bei TMHS – mechanische Hilfen

  • Nasennetze zeigen in 25 bis 30 Prozent der Fälle eine deutliche Linderung der Symptome.
  • UV-Schutzmasken helfen besonders bei photischem Headshaking.
  • Triggerreduktion: Beschattete Reitumgebung, windgeschützte Arbeitsplätze, fliegenarme Stallhaltung in Triggerphasen.

Bei TMHS – Supplementation

Eine UC-Davis-Studie zeigte, dass die Kombination aus Magnesium und Bor bei einer kleinen Gruppe betroffener Pferde zu einer signifikanten Reduktion der Symptome führte, mit dem stärksten Effekt bei den am schwersten betroffenen Pferden. Die Magnesiumblutwerte sollten dabei tierärztlich überwacht werden.

Bei TMHS – medizinische Verfahren

  • PENS-Therapie (perkutane elektrische Nervenstimulation): Das aktuell vielversprechendste Verfahren. Wird in spezialisierten Kliniken angeboten.
  • Medikamentöse Therapie: Verschiedene Wirkstoffe, die in der Humanmedizin gegen neuropathischen Schmerz eingesetzt werden, kommen je nach Schwere und Ansprechen infrage. Immer nur unter tierärztlicher Kontrolle.

Was nicht funktioniert

Steroide haben in Studien keinen signifikanten Effekt gezeigt. Chiropraktik und Akupunktur lindern TMHS laut UC Davis nicht zuverlässig. Hausmittel, „Beruhigungspulver" und schärfere Hilfszügel verschlimmern die Sache. Wer einem headshakenden Pferd mit mehr Druck begegnet, missversteht das Krankheitsbild grundlegend.

Headshaking und Reiten: pausieren oder weiterarbeiten?

Wenn dein Pferd unter dem Reiter deutlich schlimmer headshaket, ist das ein Hinweis darauf, dass entweder die Ausrüstung, die Anlehnung, die Bewegungsbelastung oder die Reitumgebung als Trigger wirkt. In diesem Fall ist nicht „weniger reiten" die Lösung, sondern „anders reiten". Mit überprüfter Ausrüstung, ohne festen Anlehnungsdruck, in einer triggerarmen Umgebung, idealerweise mit einer Trainerin, die das Krankheitsbild kennt.

Bei akuten Schüben gehört das Pferd nicht in die Arbeit. Bei chronischen, leichten Symptomen kann gezielte, druckfreie Arbeit Teil der Therapie sein.

Die ehrliche Aussicht

TMHS ist nicht in jedem Fall vollständig heilbar. Die Wissenschaft sagt klar: Es gibt aktuell keine kurative Standardtherapie. Manche Pferde werden lebenslang Schübe haben. Aber mit präziser Diagnostik, sauberer Ausrüstung, Triggerreduktion und der richtigen Therapieform lassen sich die meisten Pferde so führen, dass sie ein gutes Leben haben und arbeitsfähig bleiben.

Was diese Pferde nicht brauchen: Schuldzuweisungen, esoterische Diagnosen oder Reiterinnen, die ihnen mit mehr Druck begegnen. Was sie brauchen: jemanden, der hinsieht, ernst nimmt und systematisch arbeitet.

FAQ: Die häufigsten Fragen zu Headshaking

Sind Fliegen ein Auslöser für Headshaking?
Nicht für normales Pferdeverhalten – da ist Insektenabwehr ein gesunder Reflex und kein Headshaking. Bei Pferden mit bereits diagnostiziertem TMHS sind Fliegen und Mücken laut Eigentümer-Befragungen jedoch dokumentierte Trigger, die Schübe auslösen können, weil der überreizte Trigeminusnerv auf normale Reize mit Schmerzepisoden reagiert.

Ist Headshaking heilbar?
Bei klar identifizierbaren organischen Ursachen wie Zahnproblemen oder ausrüstungsbedingtem Druck oft ja. Beim trigeminus-vermittelten Headshaking lässt sich in vielen Fällen eine deutliche Verbesserung erreichen, eine vollständige Heilung ist seltener.

Hilft eine gebisslose Trense bei jedem Headshaker?
Nein. Sie hilft den Pferden, bei denen Gebiss- oder Trensendruck der primäre Trigger ist. Bei rein neurologisch bedingtem TMHS kann sie als Teil der Triggerreduktion unterstützen, ist aber kein alleiniges Therapeutikum.

Kann mein Pferd vom Headshaking weg-trainiert werden?
Headshaking ist kein Erziehungsproblem. Du kannst es nicht weg-trainieren. Du kannst Trigger reduzieren und das Pferd unterstützen.

Warum tritt Headshaking saisonal auf?
Bei rund 60 Prozent der Pferde besteht ein saisonales Muster mit Verschlechterung im Frühling und Sommer. Wahrscheinlich hängt das mit Licht-, Pollen-, Insekten- und Temperaturfaktoren zusammen. Saisonale Muster sind ein wichtiger diagnostischer Hinweis.

Sollte ich mein headshakendes Pferd weiterreiten?
Nicht in akuten Schüben. In ruhigen Phasen mit überprüfter Ausrüstung und passender Reitweise meist ja, idealerweise nach Rücksprache mit Tierarzt und einer kompetenten Trainerin.


Die CR Harmonybridle, die ich in diesem Beitrag mehrfach erwähnt habe, ist nicht zufällig hier verlinkt. Ich habe sie ursprünglich für meinen eigenen Johny entwickelt, weil es das, was ich brauchte, am Markt nicht gab: eine gebisslose Trense, die anatomisch korrekt sitzt, in der Hilfengebung sauber funktioniert und keinen Druck auf die empfindlichen Strukturen ausübt, über die wir hier gesprochen haben.

Zur CR Harmonybridle


Wissenschaftliche Quellen (Auswahl)

  • Aleman M, Williams DC, Brosnan RJ et al. – Sensory nerve conduction and somatosensory evoked potentials of the trigeminal nerve in horses with idiopathic headshaking. UC Davis, 2013.
  • Madigan JE, Bell SA – Owner survey of headshaking in horses. JAVMA, 2001.
  • Pickles K, Roberts V et al. – Owner survey, UK/USA Headshaker-Studien.
  • Bristol Vet School – Forschung zu trigeminus-vermitteltem Headshaking.
  • UC Davis Center for Equine Health – Magnesium- und Bor-Supplementationsstudie.
  • Pain Assessment of Horses With Trigeminal-Mediated Headshaking (TMHS) at Rest Between Episodes – peer-reviewed, NCBI/PMC.
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